
Depression ist im Trainingsalltag oft unsichtbar – und trotzdem hoch präsent. In diesem Artikel erfährst Du, woran Du als TrainerIn eine Depression bei Deinen KlientInnen erkennen kannst, wo Deine fachlichen Grenzen liegen und wie Du Training so gestaltest, dass es unterstützt statt überfordert.
Jede zweite Person in der Schweiz erkrankt im Laufe ihres Lebens mindestens einmal an einer psychischen Störung. Und vielleicht betreust Du bereits eine KlientIn, die mit einer Depression kämpft – ohne dass dies im Training offen zur Sprache kommt. Genau deshalb ist es wichtig, dass Du als TrainerIn weisst, wie Du die Anzeichen erkennst und was in Deinem Rahmen fachlich sinnvoll und verantwortbar ist.
Die Depression gehört weltweit zu den schwerwiegendsten und bedeutendsten Erkrankungen. Schätzungen zufolge sind – je nach Studie und Definition – bis zu 20 % der Bevölkerung im Verlauf ihres Lebens betroffen. Das Denken, die Gefühle, der Körper, die sozialen Beziehungen – das ganze Leben kann durch diese Krankheit beeinträchtigt werden. Und trotzdem wird die Depression häufig nicht erkannt oder nur unzureichend behandelt.
In einer Depression verändert sich das ganze Leben: Nicht nur die Stimmung ist getrübt, was auch als innere Leere beschrieben werden kann, sondern es besteht eine tiefsitzende Unfähigkeit, irgendeine Freude zu empfinden. Farben, Musik, positive Ereignisse – all das erreicht die betroffene Person nicht mehr. Viele Betroffene berichten von einem beklemmenden Gefühl der Erschöpfung, einer oft lähmenden Antriebslosigkeit und einer starken Neigung zu Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen. Häufig bestehen Schlafstörungen: Betroffene schlafen schlecht ein, können meistens nicht durchschlafen und liegen ab den frühen Morgenstunden grübelnd im Bett. Auch Appetitstörungen sind verbreitet – es schmeckt einfach nichts mehr.
Woher kommen Depressionen?
Depressionen können durch belastende, stressige oder traumatische Erfahrungen im Leben eines Menschen verursacht werden, zum Beispiel durch Arbeitsprobleme, Konflikte in Beziehungen, den Tod eines geliebten Menschen oder Mobbing. Auch biologische Veränderungen im Körper – beispielsweise nach einer Geburt oder anderen hormonellen Umstellungen – können eine Rolle spielen. Wie gross der Einfluss genetischer Faktoren ist, wird von verschiedenen Fachleuten unterschiedlich beurteilt.
Nur wenige sprechen offen über Depressionen oder suchen Hilfe. Mythen, Missverständnisse und Stigmatisierungen sind für viele betroffene Menschen eine grosse Hürde auf dem Weg zu einer Behandlung.
Die meisten Betroffenen reden nicht über ihr Leiden, denn die Volkskrankheit Depression will so gar nicht zu unserem Zeitgeist passen: Funktioniere, leiste, sei glücklich. Schliesslich stehen uns heute scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten offen, um uns und unser Leben zu optimieren. Wer da unglücklich ist, fühlt sich schnell, als sei er oder sie selber schuld – und schweigt lieber.
Das führt dazu, dass Betroffene ihre Krankheit lieber geheim halten und nur ihre (oft körperlichen) Symptome behandeln lassen. Zu «Kopfschmerzen» oder «Schlafstörungen» gibt es nicht viel zu erklären. Sagt man: «Ich habe Depressionen», läuft man dagegen Gefahr, auf Unverständnis oder Vorurteile zu stossen.
Betroffene sind keine Versager, auch nicht faul oder wehleidig. Sie leiden an einer ernsthaften Krankheit. Wenn diese erkannt wird, ist sie in den meisten Fällen gut behandelbar. Wichtig ist, dass über Depression gesprochen wird – offen, ernsthaft und ohne Schuldzuweisungen.
Was sind die Symptome einer Depression?
Depressionen betreffen Menschen auf vielfältige Weise und können sich bei jedem Einzelnen sehr unterschiedlich darstellen. Achte als TrainerIn insbesondere auf folgende Anzeichen:
- Eine plötzliche Veränderung in der Persönlichkeit
- Soziale Isolation
- Angst, innere Unruhe
- Reizbarkeit
- Leicht frustriert
- Übermässig selbstkritisch
- Schwierigkeiten beim Schlafen oder Essen
- Konzentrationsschwierigkeiten
- Vernachlässigung der Hobbies und Interessen
- Freudlosigkeit
- Antriebslosigkeit (bewegen sich oft kraftlos, schleppend oder unmotiviert)
- Hoffnungslosigkeit
- Suizidgedanken
Eine vorübergehende Stimmungsänderung deutet nicht automatisch auf eine Depression hin. Wenn die negativen Gefühle jedoch länger als ein paar Wochen anhalten und den Alltag der Person deutlich beeinträchtigen, besteht Grund zur Sorge – und Anlass, genauer hinzuschauen und gegebenenfalls professionelle Hilfe anzusprechen.
Mein erster Tipp bevor Du helfen willst: Besorg Dir Fakten!
Warte nicht, bis Du selbst ins Fettnäpfchen trittst. Um das Leiden der betroffenen Person besser nachvollziehen zu können, lohnt es sich, nachzulesen, wie sich eine Depression (oder eine andere psychische Erkrankung) anfühlen kann. Verschaffe Dir einen Überblick über Mythen, Missverständnisse und Stigmatisierungen – möglichst aus seriösen, fachlich fundierten Quellen. Hier meine Tipps:
- Schweizerische Gesellschaft für Angst & Depression
- Bündnis gegen Depression Bern
- pro mente sana – psychische Gesundheit, andere helfen – sich selber stärken
Lesenswerte und sehr hilfreiche Seiten aus Deutschland:
- Stiftung Deutsche Depressionshilfe
- Deutsche Depressionsliga e.V
- Coaching-Magazin – Mein Klient braucht Therapie
Und ganz nebenbei gehst Du im Kampf für eine tolerante Gesellschaft mit gutem Beispiel voran. Sei Dir bewusst, dass psychische Erkrankungen grundsätzlich jede Person treffen können – auch Dich!
Was kannst Du als TrainerIn tun
Zuhören
Im „Kommunikationszeitalter“ ist das persönliche Gespräch schon fast eine Kostbarkeit geworden. Umso wichtiger ist genaues Zuhören – zum Beispiel beim Gesundheitscheck. Viele Betroffene klagen nicht zuerst über die Stimmung, sondern über körperliche Beschwerden. Angstzustände können zu Herzrasen und schlechtem Schlaf führen, eine innere Anspannung führt zu einem erhöhten Muskeltonus und zu schmerzenden Gelenken. Ausserdem werden bereits vorhandene körperliche Leiden während einer depressiven Phase oft deutlich stärker wahrgenommen. Wer schon immer Rückenschmerzen hatte, kann diese während einer depressiven Phase als unerträglich empfinden.
Ein Stammkunde von mir, nennen wir ihn Andreas, lernte ich vor seiner Depression kennen. Andreas war hochmotiviert und konnte problemlos ein intensives 60-minütiges Ganzkörpertraining durchführen. Jede Trainingsstunde war intensiv, lebendig und endete mit einem breiten Lächeln. Nach der Diagnose Depression kämpfte Andreas mit seiner Motivation, überhaupt noch regelmässig Fitness zu treiben. Dies führte dazu, dass er sich inkompetent fühlte und sich dadurch seine Stimmung noch weiter senkte.
Ich begann sofort, das Training anzupassen: eine kürzere Trainingsroutine, reduzierte Gewichte, weniger Übungssätze und eine deutlich geringere Gesamtintensität. Und trotz der reduzierten Belastung bemerkte ich bei Andreas, dass er Probleme hatte und viel schneller als gewöhnlich ermüdete.
Nimm’s nicht persönlich
Da viele Menschen mit einer Depression an quälendem Grübeln und an einer motorischen Gehemmtheit leiden, können Unterhaltungen schwierig und einsilbig verlaufen. TrainerInnen müssen möglicherweise ihre Erwartungen an Leistung und Motivation sowie ihre Kommunikations- und Motivationsstrategien anpassen. Aggressive und autoritäre Trainingsmethoden helfen einer depressiven KlientIn nicht. Hilfreich sind dagegen Geduld, klare Strukturen und ein respektvoller Umgang mit Stimmungsschwankungen.
Welches Training ist am besten?
Um den Nutzen des persönlichen Trainings weiterhin sicherzustellen, solltest Du als TrainerIn darauf abzielen, dass die Trainingseinheiten Spass machen und, wenn möglich, ein ruhiges, rhythmisches Atmen beinhalten – denn dieses kann einen regulierenden, fast meditativen Effekt haben. Es wurde festgestellt, dass sowohl Cardio- als auch Krafttraining positive Auswirkungen auf Stimmung und Antrieb haben können. Andere Aktivitäten, die helfen können, umfassen Yoga und Lachyoga.
Intensive Wettkampfübungen oder sehr schwere Gewichte solltest Du bei depressiven KlientInnen eher vermeiden. Ziel sollte es sein, Deine KlientIn in Bewegung zu bringen, ohne den Stress zu erhöhen, der ohnehin bereits erlebt wird.
Überlade Deine KlientIn nicht mit einem überfüllten Trainingsplan, bei dem es viel zu beachten gibt. Depressionen äussern sich häufig in Konzentrationsschwierigkeiten. Gestalte einen übersichtlichen und klar strukturierten Trainingsplan – mit wenigen, gut erklärten Übungen; weniger ist häufig mehr.
Ausserdem solltest Du Deine KlientIn dazu ermutigen, mehr Bewegung in den Tagesablauf zu integrieren. Das kann sehr niedrigschwellig sein: zum Beispiel zu Fuss zur Arbeit gehen, eine Station früher aussteigen oder Treppen statt Lift benutzen. Und wenn möglich, am Wochenende mit Aktivitäten wie Wandern oder anderen Sportarten aktiv sein.
Versuche, Deine KlientIn dazu zu bringen, Bewegung als eine Wahl des Lebensstils zu betrachten, die Schritt für Schritt zur Routine werden darf, anstatt als eine zusätzliche Aufgabe, die geplant und „abgearbeitet“ werden muss.
Worauf Du sonst noch zu achten hast!
Als TrainerIn musst Du Dir bewusst sein, dass nicht nur die Depression selbst berücksichtigt werden muss, sondern dass Depressionsmedikamente auch erhebliche Nebenwirkungen haben können. Zum Beispiel können KlientInnen einen unterdrückten Appetit oder einen niedrigeren Blutdruck als normal verspüren, während sie Medikamente einnehmen. Wie Du sicherlich weisst, benötigt es bei einem niedrigeren Blutdruck zusätzlich Zeit, um sich beim Sitzen oder Aufstehen bei verschiedenen Übungen anzupassen, um ein Ohnmachtsgefühl zu vermeiden.
Sei Dir bewusst, dass Du als TrainerIn eine wichtige Rolle bei der Genesung von KlientInnen mit Depression spielst. Du kannst die Trainingsroutine so anpassen, dass die Ausschüttung von Wohlfühlhormonen unterstützt wird und damit die depressive KlientIn im Training das Gefühl bekommt, etwas geschafft und erreicht zu haben.
Leider ist das Thema Depression stark tabuisiert und mit viel Scham besetzt – und das, obwohl immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft darunter leiden. Umso wichtiger ist es, Verständnis aufzubringen, einen wachsamen Blick zu haben und die Gefühle bei Dir selbst oder bei anderen ernst zu nehmen. Darum:
Rede über alles, auch über Leistungsdruck, Konflikte und Sorgen: «Wie geht’s dir?»
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Rechtlicher Hinweis
Dieser Beitrag behandelt ein Gesundheitsthema und versteht sich als allgemeine Gesundheitsinformation. Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt nicht das fachliche Urteil einer Ärztin oder eines Arztes. Bei gesundheitlichen Beschwerden wende Dich bitte an medizinische Fachpersonen oder lass Dich in einer Apotheke beraten.
Artikel ursprünglich verfasst am 14. August 2020, zuletzt überarbeitet am 8. Dezember 2025.
